Archive für Beiträge mit Schlagwort: Blogparade

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Sie werden kein Schauspiel sehen.
Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.
Sie werden kein Spiel sehen.
Hier wird nicht gespielt werden.
Peter Handke, Publikumsbeschimpfung

Mach mir den Handke

„Sie werden kein Schauspiel sehen.“ Unausweichlich für die Hörer lässt Handke so in seiner bekannten Publikumsbeschimpfung sein Sprechtheater beginnen. Es geht nicht um Schaulust. Und es ist kein Spiel. Das ist ein Satz. Und der ist ein Hinweis eines Sprechers auf das Kommende. Eine kalte Dusche für die Theaterbesucher. Wider all ihre Erwartungen. Sie sollen nicht enttäuscht werden. Sie sollen nicht die gesamte Zeit warten auf das, was nicht kommen wird. Zudem ist das, was immer es ist, nicht belanglos. Eben nicht „nur“ Theater. Nichtmals Schauspiel. Sondern nichtmals Spiel. Es ist ernst. Und das ist gewiss nicht das, das sie erwarten.

Es findet statt in diesem seltsamen Raum namens Theater. Aber es bezieht sich auf das, was draußen geschieht oder geschah. Außerhalb dieser seltsam abgeschirmten Architektur. Diese ist Tor zu einer anderen Welt, aber vielleicht auch Fenster in die bekannte. Doch das Selbstverständliche ist so selbst verständlich nicht. Darum bedürfen wir dieses Fensters. Dann ist aber der Grund, warum wir Theater haben, dieser Schritt nach dem präsentierten Stück in dieses draußen. Dieses ist nicht mehr das, was es vorher war – zumindest wenn die Präsentation gut war. Oder geht es um das Stück und nichts anderes als das Stück? Verweist Theater auf irgendetwas außerhalb seiner selbst?

Egal. Entweder geht es bei Theater um unsere Sicht auf die Welt. Die Dinge. Unsere Erklärungen, Verklärungen und achso unhinterfragbaren Zusammenhänge. Oder eben um Selbstreferentialität. Vom Blabla des Alltags ins Blabla der Aufführung und wieder zurück ins Blabla des Alltags. Das ist der autopoietische Reigen der Postmoderne. Rudelbums in der Beliebigkeit. Aber auch schon hier liegt eine Schicht feinen Staubes des Endes des Endes der Geschichte. Auch das Posthistoire kommt ins Alter.

Mir geht es um Gedanken von Theater heute. Heute im mobilen, im digitalen Zeitalter. Oder wie immer ihr es nennen wollt. Mir kommt es nicht auf Worte an. Nicht auf Schubladen. Ums Theater soll es mir gehen. Nicht um den fluffigen Zeitvertreib „lasst uns doch mal ins Theater gehen!“ Nicht um das Verstehtheater des Bildungsbürgertums. Nicht um Brechts Didaktik der Gesellschaft auf der Piscatorbühne. Nicht um bloße Sensation. Weg mit den Effekten – hin zu den Affekten? Nein. Vielleicht. Große Emotion zwischen rhythmischer Turnübung und tiefempfundener wortloser Empathie sind immer Thema, solange es Menschen gibt. Also wo die Liebenden ihre eigene Sprache sind und keiner anderen bedürfen. Doch haben wir noch die gleichen Gefühle wie unsere Generationen vor uns? Einige Mitmenschen fühlen sich heute von vielem determiniert. Manipuliert. Einige empfinden die NSA-Affäre als Drama, in dem der Whistleblower als Garant der Wahrheit auftritt und die Politik uns nur noch Fiktionen bieten kann. Oder ganz aktuell: Der Fall Edathy. Der entweder eine persönliche Tragödie wird oder ein Politikum ist, in dem der Aufklärer von NSU-Verbrechen abgestraft werden soll. Zumindest gebremst.

Doch das sind Themen. Inhalte. Gehalte. Das Fass ist mir jetzt zu groß für einen kleinen, bescheidenen Blogpost. Aber neben den altbekannten Themen wie Liebe, Tod und Schicksal sind es die Politik dieser Tage sowie die Prozesse der Meinungsbildung, die in sich ihre eigene Tragik tragen. Also hat unsere Zeit genug Themen. Doch zuviel für diesen Text. Denn man könnte auch fragen: Was, wenn alles nur Theater ist, da draußen? Dann sucht man Zuflucht in der Anstalt, wo man weiß, dass alles nur Theater ist.

Flashmobbing, Hangouterei und rhizomatisches Theater

Mir soll es im Folgenden um neue Orte gehen. Orte, an denen Theater heute geschehen kann. Das ist nicht nur der altehrwürdige Kulturtempel, obwohl nichts gegen ihn spricht. Oder sehr viel. Aber auch das wäre ein anderer Artikel.

Ich behaupte jetzt in diesem Text voller Emphase: Es gibt heute noch mehr Orte, an denen Theater stattfinden kann. Womöglich sogar muss. Neue Orte. Alte Orte. Auf ein haudrauf Allesmussjetztdigitalsein kommt es mir nicht an. Sondern einzig: Theater kann überall geschehen. Auch auf der Straße. Mitten im Trubel. Das ist beispielsweise ein alter Ort. Doch für Theater oft noch ungenutzt.

Flashmobs sind eine neue zeitgenössische Form scheinbar spontanen Theaters an diesem Ort. Es zählt die Überraschung. Die Verwunderung. Die Unausweichlichkeit. Doch nicht die des Hörens, sondern der Einbettung in den Alltag. Hinterfragt wird mehr der Ort und die dort üblichen Tätigkeiten. Vor oder in Cafés mit WLAN böte sich ein Wischmob an. So nennen ich jetzt einen Flashmob mit dem Tanz der Gesten auf Smartphones oder Tablets aber ohne diese Geräte. Das ist Pantomime auf der Straße. So wäre diese Art sogar zwischen Theater, Varieté und Zirkus angesiedelt. Ziemlich old fashion wie man merkt.

Fast jeder kennt Beispiele auf YouTube, wo Menschenmassen in Bewegung und Starre sich verhalten als wollten sie die Beuysschen Aggregatszustände von dessen Bildhauertheorie bebildern. Erst eingebunden in die Menge der Nichtschauspieler trennen sie sich, bilden ihre eigene Form und gehen nach einiger Zeit wieder in der allgemeinen Masse auf. Oder sie beginnen zu singen, musizieren und tanzen, um nach kurzweiliger Anstrengung wieder in der Konformität der Masse einzugehen. Form und Auflösung. Theater als Moment.

Flashmobs sind embedded theatre. Mobile happening. Location based performance. Wer ist das Publikum? Die Umstehenden? Kann man so sehen, muss man aber nicht. Ohne sie funktioniert keine Einbindung. Keine Begrenzung. Keine Abgrenzung. Sie sind wesentlich für einen funktionierenden Flashmob. Sollte dieser Flashmob aufgenommen und auf YouTube gestreamt werden, so sind zumindest die User auf YouTube sowas wie das Publikum, wobei fraglich ist, ob sie der Definition eines Publikums von Maletzke entsprechen, denn sie interagieren miteinander. Nach Maletzke ist ein Publikum sich untereinander fremd. Das ist beim klassischen Theater so. Auch beim TV. Aber nicht mehr zu Zeiten von Social Media. In YouTube sind alle wenigstens via GMail oder Google Plus miteinander vernetzt. In Kommentaren besteht die Möglichkeit zum Austausch. Über Google Plus sogar über Kreise, Communities und Seiten. Sie können sich sogar im hauseigenen Videokonferenzsystem von YouTube oder Google Plus aus untereinander sehen und miteinander kommunizieren.

Darum jetzt folgerichtig gefragt: Warum kein Hangout-Theater? Extra Aufführungen via Google Hangout. Entweder als Schauspiel für sich oder eingebettet mit Gästen. Nichtschauspielern. Mehr Improvisation als Darbietung. Weniger Wiederholung als je neues Wagnis. Wem das eben Geschriebene zu digital ist, dann lasst mich nochmals meinen Gedanken anders beginnen: Warum kein Wohnzimmer-Theater? Theater in geschlossenen Räumen. Wohnzimmern halt. Meinetwegen ebenfalls in der Garage. Vor der Tür. Draußen vor der Tür. Vor Ort kein Publikum. Wer am Ort ist nimmt am Spiel teil oder nicht. Zur selben Zeit an anderem Ort: ein anderer Trupp. In einem anderen Wohnzimmer. Oder Garage. Oder vor der Tür. Egal. Nur woanders, aber zur gleichen Zeit. Maximal zehn solche Trupps können zusammenfinden. Die Grenze setzt das Videokonferenzsystem Hangout von Google. Oder spannender: Fünf solche Schauspielgruppen, die sich alle ihr eigenes Stück erarbeiten (wer wohl berücksichtigen wird, dass die unterschiedlichen Gruppen auch interagieren können?), treffen auf fünf Nichtschauspieler. Wer agiert mit wem? Wer reagiert worauf? Wer spielt nur für sich? Und übertragen wird das Ganze per Hangout on Air – also mit gleichzeitigem Stream nach YouTube. Hier wäre noch mehr zu überlegen. Beispielsweise: Was ist mit den zuschauenden Usern auf YouTube? Welche Rolle haben sie – klassisches Publikum? Doch ich will es mal hier beim bislang Angerissenen belassen.

Abschließender Gedanke: rhizomatisches Theater als ein Beispiel für Stadtmarketing. Das Ganze als Gewebe. Wir sind immer schon mittendrin. Die Stadt als Ort von Theater. Ein(?) Stück in mehreren Erprobungen. Der Überblick über das Ganze ist so alt wie der Traum vom Fliegen. Entweder Ikarus (höher, immer höher der Sonne entgegen) oder der Flaneur – andere Rollen bleiben uns nicht. Vertikale oder horizontale Bewegung. Der Spaziergänger durchstreift und entdeckt im kurzweiligen Zeitvertreib. Zwar entgeht ihm die Vogelperspektive von Ikarus, aber er bleibt auf dem Boden. Entdecken kann er ein MashUp von Kleinststücken (beispielsweise Wohnzimmertheater + Flashmobs). Aber nur, wenn diese aufeinander abgestimmt geplant werden. In sich abgeschlossen. Für sich stehend. Aber aufeinander bezogen. Irgendwie. Es lebe das Ganze der Fragmente! Jeder „Betrachter“ durchstreift verschiedene Stücke, jeder in anderer Reihenfolge, manche in Gruppen vielleicht auch die gleichen. Mal mehr Betrachter, dann mehr selbst Akteur.

Immer dabei: digitales Begleitmaterial. Je mehr der Flaneur interagieren kann, umso mehr wird Theater zum Game. So könnte Stadtmarketing das gesamte urbane Umfeld zu einem einzigen Theater machen. Zu einem Theaterspiel. Oder Spieltheater. Zu einem Stück in mehreren Erprobungen. Und für immer digital festgehalten via YouTube. Aber bitte: gewinnen kann man da nichts. Gewinn wird nur vorgegaukelt, damit weitere Spiele gespielt werden. „Um zu erfahren, welchen Sinn das Leben hat, müssen sie erst die nächst höhere Spielebene gewonnen haben.“ Oder „die Antwort überreicht Ihnen Herr Godot. Bitte warten.“ Aber das wäre nur ein weiteres mögliches Thema.

Dieses ist mein bescheidener Beitrag zur Blogparade „Alles ’nur‘ Theater?“ vom Theater Heilbronn http://blog.theater-heilbronn.de/?p=6276 . Mit Theater habe ich dieser Tage leider wenig zu tun. Während meiner Schulzeit führten wir im LK Deutsch „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder auf. Ich spielte den Professor und den Texaner. Das komplette Bühnenbild konzipierte und setzte ich allein um. Außerdem hielt ich ein ausuferndes Referat über Theatertheorien. Als Schüler besuchte ich mehrere Aufführungen des Landestheaters Detmold. Dort hatten wir eines dieser berühmt-berüchtigten Abos. Dort geschah auch ein Erstkontakt mit Wagner. Während meines Studium dann Besuch von Wagneropern in Köln und Frankfurt. Für meine Erste Staatsarbeit in Kunst ebenso auch Ballettbesuche im Folkwang in Essen. Pina Bausch war zugesagt, passte nur terminlich nicht.

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Vorgehensweise

Da meiner einer sich erst an zwei Blogparaden beteiligt hat, wäre es vermessen, einen Beitrag anzustreben, der sich auf diesen leicht überschaubaren empirischen Fundus beruft. Zudem ist bei beiden Blogparaden die Frist noch nicht abgelaufen, so ist nichtmals eine Rückschau möglich.

Statt nun den erfahrenen Teilnehmen von Blogparaden als unerfahrener Besserwisser in die Parade zu fahren, entschließe ich mich zu dem mir einzig machbaren Ansatz: nämlich in medias res zu gehen. Nein: zu stehen,; denn dort befinde ich mich: mittendrin. Mitten drin in zwei laufenden Blogparaden. Zähle ich die jetzige dazu, sind es sogar drei. Von diesem Ort aus schaue ich nach rechts, nach links, ich betrachte einfach die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes Parade und befrage sie, inwiefern sich die Bedeutung des Wortes Blogparade ändert, wenn man es von dort her versteht. Ich betrachte es nicht von der französischen Sprache her, obwohl es ursprünglich ein französisches Wort war.

Ich schaue auf die Verwendung, wie sie vorwiegend im deutschsprachigen Raum üblich ist. Nicht, weil es vom Deutschen vereinnahmt worden ist, sondern umgekehrt, weil das Deutsche immer durch andere Sprachen bereichert wurde: durch Französisch besonders durch die Hugenotten in allen Lebensbereichen, durch Italienisch in der Musik, durch Englisch heutzutage überall an jedem Ort. Sicherlich finden sich noch mehr Belege. Das Ruhrgebietsdeutsch lebt beispielsweise durch eine Vermischung aus Deutsch und Polnisch – berühmtes Beispiel: Motek für Hammer. Aber ein weiteres Verständnis, was Parade sein kann, bietet es nicht. Dafür aber der Fußball.

Geht man so vor wie beschrieben, so durchstreift man den militärischen Bereich, den Sport mehrfach, die Kultur ebenfalls. Es ist also eine Vielfalt an Bedeutungen zu erwarten. Somit scheint es nicht eindeutig zu sein, was wir meinen, wenn wir von Blogparade sprechen, schreiben, dazu aufrufen. Die anderen Bedeutungen schwingen immer mit – und wer kann schon sagen, welche sein Mitmensch als vorrangig betrachtet, sofern es so etwas überhaupt gibt: eine bevorzugte Bedeutung, die über allen Kontexten als erste assoziiert wird.

Mag jemand diese Vorgehensweise einerseits für einen rhetorischen Kniff halten oder andererseits als ernstzunehmende Herangehensweise, die das Verständnis von dem näher beleuchtet, was wir da eigentlich machen oder machen wollen, so zählt letzten Endes das Ergebnis, das es mir respektive uns bringen mag. Ich hoffe auf ein wenn nicht tieferes, so doch zumindest vielseitigeres Verständnis von Blogparade. Bringen wir also den Begriff zum Schillern!

Militärparade

Schweres Gerät sowie Waffen rollen grollend auf den Straßen. Solange es Panzer gibt, werden die Straßen beben. Ein Kribbeln steigt von den Füßen durch den Körper. Ein Aufmarschieren der Truppen ist nicht zwingend notwendig. Mögen manche aber. Ebenso muss kein Publikum anwesend sein. Tut dem Ausführenden allerdings gut. Denn mitten drin, jedoch am Rande in Sicherheit, steht irgendwo ein Diktator, hohes Militär oder ein Regierungsfuzzi, der erhoben von einem Podest aus dem Geschehen zuwinkt. Ihn grüßt das Militär. Er grüßt zurück. Jene wollen oft das Publikum. Und Kameras. Dem Regierungsfuzzi gefällt es. Ihm huldigt das Militär. der Gegner darf sich erschrecken. Manchmal das eigene Volk ebenfalls.

Als ich zunächst erstmalig von Blogparade las, dachte ich, „das ist der Aufmarsch der Blogposts!“ Jedoch missfiel meinem realpolitisch pazifistich schlagendem Herzen dieses ganze militärische Drumherum. Und ich verstand gleich, warum es parallel ebenfalls den anderen Begriff Blogkarneval gibt: Ist doch de Zoch kütt ein wesentlicher Bestandteil von allen Kanevalen, Faschings und dergleichen. Sie alle veralbern das Miitärische, was dann schon eher zu einer Blogparade passt.

Jedoch stelle man sich einmal vor, ein SEOler ruft zu einer Blogparade auf. Ist das nicht der Aufmarsch der treffenden Keywords? Sind sie nicht das schwere Gerät und die Waffen? Der Content zählt doch nur, solange er sich am Suchmaschinen-Rank (besonders Google) messen lassen kann. Content ist doch nicht Inhalt im Sinne einer Botschaft, sondern nur Mittel zum Zeck. Nicht bei allen. Zugegeben. Aber bei vielen, solange es beispielsweise Google zulässt. Der SEOler braucht für seinen Aufmarsch von Blogposts mit den immer selben Keyowrds keine großen Ausschreibungen. Die werden eher inhouse gemacht. Diese Vorgehensweise wird nicht gerade verschwiegen. Jedoch auch nicht an die große Glocke gehängt. Was des eigenen Kunden Gefallen, soll des Mitbewerbers Missfallen sein: der Suchmaschinen-Rank. Das Maß von allem in SEO.

Mir fällt es schwer, den Macher einer Blogparade mit dem Diktator, hohen Militär oder Regierungsfuzzi gleichzusetzen. Besonders in diesem Fall. Die Karrierebibel als derjenige auf dem Podest, der Winkewinke macht? Nein. Allerdings fällt es mir weniger schwer, in SEO Ansätze von durchgreifenden Maßnahmen zu sehen, die dem Militärischen ähneln. Da fällt mir gleich die Verlinkungspraxis ein. Die gibt es ebenfalls in jeder Blogparade. Da gleicht dann das Nebeneinander der Blogposts doch einem Aufmarsch. Nämlich, wenn wir sie mehr als ein Nebeneinander von Links sehen, die dem Macher wie den Schreibern nutzt. Dieser ganze Linking Park ähnelt dann schon einem Exerzierplatz. Wobei jetzt Wortklauber ankommen werden und sagen, dass der Platz weniger der Ort einer Militärparade ist. Das stimmt. Es ist eher der Boulevard. Die große Straße. Es darf nichts stehen, sondern muss vorbeiziehen. Es soll alles sein, nur nicht Überschaubar wirken. So erst entsteht der Eindruck von Größe. Unüberschaubarer Größe. Diese Wichtigtuerei vermittelt meines Erachtens keine Blogparade.

Défilié

Nicht jedes Vorüberziehen ist ein Vorbeimarschieren. Während beim Schützenfest durchaus marschiert wird – in manchen Gegenden sogar im Stechschritt – marschiert der Jeck im Karneval nicht, obwohl es auch dort Marschmusik geben kann. Zugegeben: Ansätze von Gleichschritt gibt es dort auch. Allerdings wird die militärische Strenge durch das Tanzmariechen aufgelockert, das das Interesse weniger auf die Bedrohung, die Abschreckung lenkt, sondern in Richtung Allzumenschliches. Zudem sind die Texte der gespielten Musik selten sehr obrigkeitshörig, tendenziell meist im Gegenteil!, sodass jedes Aufkommen von militärischem Antlitz im Keime erstickt wird, auch wenn die Uniformen oft historisch korrekt sind – und die haben eine militärische Vergangenheit, obwohl es in beiden Fällen oftmals die ehemaligen vierteleigenn Bürgerwehren sind, die dargestellt werden. Also nicht das Militär im eigentlichen Sinn. De Zoch ist mehr Défilé denn Mitlitärparade. Wenn Militärparade, dann Veralberung des Militärischen. Man betrachte nur die Konfettikanone.

Denn Défilé meint jedes feierliche Vorbeiziehen einer Gruppe an, ja, das kann auch wieder ein Diktator, hohes Militär oder Regierungsfuzzi sein – am Gastgeber vorbei, wer immer das sein mag. Wichtig ist: Ein Défilé hat einen Gastgeber. Es ist kein militärischer Aufmarsch, der auf Befehl stattfindet, sondern es findet eine Einladung statt. Ihm fehlt die Strenge. Im Regelfall auch die Marschmusik. Das Erschrecken. Somit ist Défilé eher passend für unser Verständnis von Blogparade.

Die Blogposts ziehen sehr wohl in ihrem Nacheinander des Erscheinens oder in ihrem Untereinander ihres gelisteten Daseins am Einladenden der Parade vorüber. Aber sie sind eben die Gastgeschenke derjenigen, die sich eingeladen fühlen. Erst durch die thematisch passenden Blogposts wird die Blogparade zum Défilé für ein bestimmtes Thema. Es soll um Content gehen, nicht einfach nur um Verlinkung. Deswegen werden die Blogposts gegen Ende nochmals in einer Rückschau vom Gastgeber zusammengefasst.

Parade in der Kunst

Parade ist der Name eines multimedialen Ballets aus dem Jahre 1917 nach einem Thema von Jean Cocteau, komponiert von Eric Satie; Bühnenbild, Kostüme und Vorhang entwarf Pablo Picasso. Bekannt wurde es wegen seiner „Instrumente“. Manche ordneten es formal auch als Tanzsuite mit Jazz- und Geräuschelementen ein. Trompes l’oreilles schimpften es einige. Es war ein Skandal!

Inhaltlich geht es um einen Zirkus. Clowns versuchen die Aufmerksamkeit des Publikums für sich zu gewinnen. – Was für ein Kommunikationsthema! Wie geschaffen für PR. Geeignet für das alle Themen rund um Blogs und Blogparaden.

Für eine bunte, schillernde Blogparade, die formale Experimente zulässt, eignet sich dieser hehre Anspruch sehr gut, den dieses Ballett hat. Doch ist dieses Ballett zu komplex, um in einem kurzen Abschnitt in einem bescheidenen Blogpost wie diesem besprochen zu werden. Ich möchte aber nicht ohne Hinweis auf dieses Kunststück bleiben. Den gab ich nun. Es mag den einen oder anderen geben, der bei Parade eben auch an dieses gleichnamige Ballett denkt – und er tut gut daran.

Betrachtete ich bislang das Ganze einer Blogparade, so geht es nun im folgenden um Details, die ebenfalls mit dem Begriff einer Parade beschrieben werden.

Parieren im Reitsport

Das Parieren im Reitsport ist quasi das Herunterschalten oder das Bremsen des Pferdes durch Manipulationen mit dem Schenkel, dem Gleichgewicht sowie den Zügeln. Der Reiter unterscheidet eine halbe sowie eine ganze Parade. Wird letzte gegeben, so bleibt das Pferd stehen. Soll es zumindest. Außer dem Tempo kann in einer Parade auch die Gangart gewechselt werden. Alles kann. Nichts muss. Das Wort Parade umfasst hier beides. Nur gehorchen soll das Pferd und machen, was der Reiter im Moment mit der Parade anfordert.

Da eine solche Parade gegeben wird, lässt sich fragen, wer im Falle einer Blogparade der Reiter und wer das Ross ist. Entweder die Schreiberlinge sind diejenigen, die parieren sollen oder es ist die Themendisziplin gemeint, die auch nicht jeder Autor so zwingend einhält. Da werden alte Posts eingereicht, die manchmal nur dann noch passen, wenn der Veranstalter nicht mehr zwinkert, sondern beide Augen zudrückt. Entweder der Autor hält sich selbst im Zaum oder er wird halt abgebremst. Wobei es weniger leichter Schenkeldruck, Gleichgewicht sowie kurzer Zügeldruck sind, die dem Veranstalter zur Verfügung stehen oder dem Autor selbst zur Selbstdisziplinierung zu Diensten sind – auch wenn das ein schöne Vorstellung wäre.

Parieren soll ein Autor also nur in dem Sinne, dass er sich an die gesetzten Regeln halten soll. Im Falle der Blogparade der Karrierebibel sind sie vorbildlich genannt. Ansonsten kann der Schreiberling tun, was er will und wie er es mag. Es soll nur ein Beitrag zum Thema sein. Und das Thema sollte zu seinem Blog passen.

Parieren im Fechtsport

Der Fechter versteht darunter das Abwehren durch einen Schild oder mit der Blankwaffe. Sofort stellt sich bei mir die Vorstellung von Wortgefechten ein. Das können einzelne Thesen sein, die zwischen den Blogs diskutiert werden, aber auch ganze Artikel können sich gegenüber stehen.

Das wäre schön, wenn es gemacht würde. Gerade eine Blogparade eröffnet diese Möglchkeit zu Wortgefechten. Erst dann ergibt die abschließende Zusammenfassung durch den Gastgeber einen Sinn. Sie ist die Rückschau, der Überblick oder die Einführung ins Thema, das nun in all seiner Vielschichtigkeit vor ihm und all den Lesern liegt.

Das Verständnis einer Blogparade von hier aus, ist wünschenswert. Mettez-vous en garde. Die Einladung zur Blogparade kann durch eine Behauptung oder kühne These erfolgen, an der sich die Blogs abarbeiten. Oder Wortgefechte ergeben sich von selbst. Sollten sie zumindest. Es wird von den Gästen ja ein Interesse am Thema unterstellt und davon ausgegangen, dass die Blogparade nicht nur ein bloßes Abladen von Links sein soll. So wird sie aus dem abwechselnden Verständnis von Angriff und Abwehr verstanden. Wobei Parade selbst die Abwehr meint. Eine Einladungsthese also zur Verteidigung des eigenen Standpunktes auffordert. Dass das nicht Rechtfertigung meinen muss, sondern ebenso die Einladung zum Gegenangriff sein kann, müsste jeder strategisch denkende Schreiberling selbst wissen.

Parieren in anderen Sportarten

Ganz gleich, ob Fußball – da meint es das Auffangen, das „Halten“, durch den Torwart eines gegnerischen Balles – oder in den Kampfsportarten, immer ist eine Abwehr gemeint. Es gilt also das schon beim Fechten Gesagte.

Parieren in der Küche

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Küchenchefs ebenfalls ein parieren kennen: Es meint das Entfernen von Sehnen, Häuten und Fett mit dem Messer. Die so entstehende Parüre wird für Fonds genutzt.

Diese Aufgabe wäre dann gegeben, wenn die einzelnen Schreiberlinge hart am Thema arbeiteten. Alles Unnütze entfernten. Und das Entfernte aber nicht als Müll ansähen, sondern daraus die Grundlage für leckere Saucen sähen. Fieserweise könnte man auch meinen, die Blogbeiträge seien eh alle zäh, viel zu lappig und fettig – da muss dann der Gastgeber her als der Meisterkoch, um eine Basis zu schaffen, in der alle gemeinsam zu etwas nutzbar sind. Eben der schließenden Zusammenfassung. Das mögen am Ende aber die geneigten Leser der Blogposts entscheiden, ob dem so ist oder ob eine Blogparade so verstanden werden sollte.

Jedenfalls ist derjenige in der Küche, der die Saucen herstellt, nicht der minderwertige Koch im Team. Keinesfalls der, auf den man verzichten kann.

Dieses ist ein Beitrag zur Blogparade der Karrierebibel zu Blogparaden.