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Intro

Dies ist ein Beitrag zum Webmaster Friday dieser letzten Woche im September mit dem Thema „Schneller! Zeitdruck – was tun?“. Ich wähle bewusst als Form die Beschreibung eines beliebigen Tages als eine mehr oder minder geplante Abfolge mehrerer Entscheidungen. Ich trenne nicht zwischen Social Media, Bloggen und Alltag, da im mobilen Zeitalter, in dem wir uns befinden, ohnehin das alles ineinander übergeht beziehungsweise mehr oder minder zeitgleich geschieht. Es gibt keinen festen Ort und keine feste Zeit mehr für die Rezeption oder die Produktion von Medien einerseits und den Alltag andererseits. Außerdem werden einige fachliche Entscheidungen während banaler Aktionen präkonzeptioniert. Also in einem Gedankennebel vorgeformt.

Morgendämmerung

Zeitmanagement bedeutet Prioritäten zu setzen

Piiiep. Piiiep. Piiiep. Lärm! Quälender Lärm! Das schrille Geräusch des Weckers nervt. Meine  Hand streckt sich der Störung entgegen. Irgendwo auf der Rückseite gibt es einen kleinen Schalter. Meine Finger fühlen herum bis sie irgendetwas finden, das sich richtig anfühlt. Gefunden! Der Krach ist beendet. Aufatmen.

Meine Augen sind noch geschlossen. Kaum ist der Lärm weg, kämpfe ich mit der Schwerkraft meiner Augenlider. Es muss sein: Ich öffne sie. Zur gleichen Zeit hänge ich meine Beine aus dem Bett. Nun in Sitzposition. Ich schließe wieder meine Augen.

Ausruhen! Ausruhen? Der Wunsch besteht. Ich räume ihm keinen Platz ein. Keine Zeit. Aufstehen ist angesagt. Keine Diskussion – auch nicht mit mir. Das endet nur in Weiterschlafen.

Wie ein Automat schleiche ich ins Bad. Sehnsüchtig nach Bettruhe und mehr dem Schlaf verbunden als dem Wachsein erschrecke ich, als ich das Licht anschalte. Muss sein. Hat aber etwas Brutales  Überall ist Licht. Die Kacheln reflektieren es und machen es noch schlimmer. „Warum will nur jeder im Bad Kacheln haben?“ denke ich mir. Der Spiegel ist noch böser. Gemeiner. Weder möchte ich das Licht sehen, noch mein Konterfei. Waschen und Zähneputzen erfolgt mit Routine. Die Augen schließe ich zwischendurch immer mal wieder. „Aaaah! Nein! Wieder öffnen. Nur nicht wieder einschlafen.“

Währenddessen erste Gedanken an irgendwelche Themen. Arbeit. Manchmal kommen mir hier die besten Ideen. Notieren? Wie möglich mit Zahnpastaschaum im Mund. Und wer hat seinen Laptop startbereit so früh im Bad? „Merken!“ weise ich mir selbst zu. „Nur nicht vergessen!“ – das ist es, wonach ich gestern den ganzen Tag suchte. „Aber warum jetzt? Warum kommt mir jetzt die rettende Idee?“ Ich rase doch mit Zahnbürste im Mund ins Zimmer, wo ein Notizblock liegt. Ich schreibe ein, zwei Stichworte auf. Die überragende, überzeugende Rede, die ich mir eben still im Bad selbst hielt, bekomme ich nicht mehr auf die Reihe. „Aber immerhin!“ – Das wichtigste ist aufgeschrieben.

Ab in die Stadt

Unterwegs in den Tag mit den ersten Nachrichten aus Radio und Social Media

Die Kleidung des Tages ist schnell ausgesucht. Flott angezogen. Ich überlege kurz, ob ich frühstücke. Wie fast jeden Tag entscheide ich „Nein!“. Dazu gehört Zeit. Muße. Außerdem mag ich es in Gesellschaft und dann ausgedehnt die erste Mahlzeit des Tages zu mir zu nehmen. Entweder zu zweit mit der Partnerin oder mit mehreren.

Sehnsüchtig denke ich an die Kunstexkursionen nach Südfrankreich zurück. Mit mehr als zwanzig Studenten an einem Tisch. Alle engagiert. Selbst motiviert. Ungestört. Die Profs lebten einige Kilometer entfernt im Dorf. Dort sollten sie die meiste Zeit auch bleiben. Wir organisierten uns selbst. Am Frühstückstisch wurde geregelt, wer mit wem wohin fuhr, wer die improvisierte Dunkelkammer im Bad benötigte oder wer für das warme Abendessen sorgte.

Währenddessen packe ich mein Smartphone in die Innentasche meines Blazers. Schnell den Rucksack über die Schulter geschwungen. Ein kurzer Blick in die Wohnung, ob ich nichts vergessen habe. Ich mag es nicht, wenn das Geschirr stehen bleibt. Ein weiterer Grund gegen das Frühstück zuhause. Das bedeutet noch mehr Zeitverlust.

Also schnappe ich mir mein Smartphone, stelle das Radio ein und gehe zur Bushaltestelle. Bevor der Bus kommt checke ich zum ersten Mal Twitter und Facebook. So für den ersten Überblick. Manchmal auch schon Google Plus. Aber da brauche ich meist mehr Zeit. Nicht unbedingt mehr Ruhe. Ohne Zeichenbeschränkung sind die Statusmeldungen dort meist länger als auf Twitter oder Facebook. Nicht selten komplette Kurzartikel. Manchmal auch vollständige Blogposts mit noch einem Link als Bezugspunkt dran. Kurz: Google Plus ist meist zu  umfangreich für unterwegs.

Manche Tage kommt es vor, dass mir das Radio den ersten Tagesüberblick liefert, während Twitter  & Co.mir Weiterführendes mitteilen. Aber zumindest erste Meinungen.

Bei bestimmten Ereignissen, die Echtzeit erfodern, filtere ich nach Hashtag und Keywords. Das sind Revolutionen, Naturkatastrophen oder Konferenzen. Dann will ich auch an der Bushaltestelle und im Bus wissen, was Sache ist – und das von Menschen vor Ort.

Umsteigen in den Zug. Mitunter twittere ich von hier aus das erste Mal. Im Bus fast nie. Mit Bewunderung schaue ich der Whats-App-Generation über die Schultern, in welchem Tempo mit anscheinend kaum Tippfehlern sie das schaffen. Im Ort angekommen gehe ich ins Bistro. Hier bestelle ich ein Croissant und ein warmes Koffeingetränk. Irgendwo nehme ich Platz. Im Stehen mag ich nur ungern etwas verköstigen. Während dieser Zeit beachte ich weder mein Smartphone noch Tablet, das ich in der Zwischenzeit starten lasse. Sie warten arbeitsbereit auf dem Tisch. Aber jetzt ist nicht ihre Zeit. Noch nicht. Aber bald.

Zeit fürs Bloggen

Nachdem die letzten Krümel des leckeren Croissants vom Tisch gefegt sind und die Hände gewaschen, weil die Marmelade mal wieder kleben musste, beginne ich mein Tablet mit angedockter Tastatur vor mich zu stellen. Das sieht nicht nur nach Arbeit aus, das wird es auch. Denn jetzt ist Blogging Time!  Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich für das Thema. Meist habe ich vor mehrere Artikel zu schreiben. Da muss ich nur sondieren, ob mir mehr nach diesem oder jenem ist. Eine Deadline gibt es nicht. Meist. Es sei denn es ginge um eine Blogparade. Die haben sowas wie einen Abgabetermin. Das ist aber nichts Ungewöhnliches für mich. Länger als einen Tag schreibe ich eh meist nicht an einem Blogpost. Oft nur irgendwas zwischen zwei bis vier Stunden.

Über Aufträge äußere ich mich nicht. Das liest sich bei vielen wie Kundenbeschimpfung. Sondern nur über meine privaten Unternehmungen. Die dienen aber ebenso meiner beruflichen Reputation, sodass sich das beides nicht so leicht voneinander trennen lässt. Nach ersten Überlegungen, wie ich das Thema angehe, entscheide ich, in welches meiner Blogs der Artikel hineinpasst. Rein Fachliches landet in PR goes social, sind mehr Ich-Anteile enthalten gehört es in mein persönliches Blog countUP Blog. Und ist es experimentell, dann ins Medienstübchen. Manchmal entsteht der Post erst beim Schreiben, ein anderes Mal habe ich schon klare Vorstellungen, wo die Reise hingehen soll. Die benötigte Zeit zum Schreiben ist jedesmal aber fast immer gleich.

Der Wettlauf ums Publishing

Reiner Terminfetischismus oder geht es um Inhalte?

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst? Nicht unbedingt. Was mir vollständig unwichtig ist beim Bloggen für eine Blogparade, ob  ich der erste bin in der Liste der Abgeber. Als ginge es um ein Wettrennen. Da kommt es mir zu sehr auf Form und Inhalt an beim Schreiben als auf so gehaltsferne Kriterien. Zugegeben: Sie sind schön messbar. Der erste ist der oberste auf der Liste. Für alle Nachfolgenden gut sichtbar. All die anderen verlinken womöglich seinen Artikel. Was so schön nach SEO klingt, kann aber fatal werden. Wie schnell ist so ein Artikel gestrickt? Wie groß ist dann die Versuchung, in die Schublade zu greifen und vorgefertigte Artikel abzugeben? Abgestandene Posts riechen schlecht. Haben etwas Anrüchiges, auch wenn sie von einem selbst geschrieben wurden. So zeitlos ist das Netz eben nicht. Dazu verändert sich zuviel viel zu schnell. Vorgeschriebene Artikel sind selten aktuell. Somit schwindet mit der Schnelligkeit oft die Aktualität des Geschriebenen. Damit auch die Qualität.

Wer auf solche Posts verlinkt, tut seiner Reputation keinen Gefallen. Und manch einer, der immer der erste sein will, wird schnell der letzte sein. Diese Weisheit hat sogar biblische Grundlagen. Hier gilt es abzuwägen: Will ich jetzt im Moment besser gefunden werden? Oder eine gute Reputation haben? Sicherlich muss man hier einen Mittelweg finden. Aber mit schlechten inhaltlichen Posts tut man sich keinen Gefallen, auch wenn sie schnell gefunden werden. Die schnelle Blamage ist kein Wert. Dann besser etwas konservativ nicht den schnellsten Weg gehen, sondern auf Werte setzen.

Das Internet als reiner Verlinkungsapparat ist etwas anderes als das Internet als Vernetzung von Menschen ist etwas anderes als das Internet als Gesellschaft der Prosumer. Technik, Psychologie oder Soziologie – sie spielen immer eine Bedeutung, wenn wir „Internet“ sagen. Die Beschleunigung ist kein Problem. Das ist eine Frage eines gelingenden Zeitmanagements. Und das bedeutet Prioritäten zu setzen. Die muss man für das Hier und Jetzt kennen.

Nach dem Bloggen ist vor dem Bloggen

Ich verlasse das Bistro. Als letztes habe ich meinen Post mehrmals gelesen. korrigiert und irgendwann für beendet erklärt. Meist teile ich ihn über Twitter, Facebook, LinkedIn, Google Plus und als letztes meist noch Pinterest. Auf dem Rückweg plötzlich ein Tumult. Mein Smartphone ist an, da ich Radio höre mit Knopf im Ohr. Ich frage, was los ist. Mache ein paar Aufnahmen. Überlege mir die Situation eventuell zu streamen. Oder zumindest zu filmen. „Mein Tablet hat eine bessere Qualität“ – überlege ich. Aber das dauert zu lange bis es hochgefahren ist. Zuviele Apps – ich gebe es ja zu. Ich ärgere mich, kein Reporter-Mikrofon mitzuhaben. Der Ton wäre wesentlich besser. Aufnehmen, abschicken, verteilen. „Voreilige Berichterstattung“ denke ich mir. Aber warten bringt hier auch nichts. Da bin ich ehrgeizig: Wenn ich selbst vor Ort bin, dann möchte ich der erste sein, der darüber berichtet. Sitze ich am Rechner, während irgendwo anders ein Ereignis stattfindet wie eine Revolution und ich kann von wo ganz anders aus Meldungen retweeten, so mach ich das. Da möchte ich mitwirken, dass wir online schneller sind als Rundfunk und Print. Es geht um eine zeitnahe Berichterstattung, die noch mitten drin steckt im Ergriffensein vom Ereignis. Und es geht ums Kuratieren von Inhalten. Ums Auswählen, was man anhand welcher Kriterien verteilt.. Aber das wäre ein anderes Thema, wie hier journalistisch die Qualität sichergestellt werden kann oder welche Tugenden ein Journalist heute haben muss.

Be- und Entschleunigen

Das Internet ist eine Realität in unserem Alltag. Längst ist es mobil geworden. Smartphones sind erst der Beginn. Uhren und Brillen werden folgen. Und wer weiß, was für Geräte noch. Es ist keine Frage der Zeit, wie lange man online ist. Festquatschen kann man sich ebenso offline – und damit das Zeitgefühl verlieren. Oder beim Bücherlesen. Wichtig ist, Prioritäten setzen zu können. Dabei geht es nicht, um offline versus online, sondern überhaupt: Wofür ist mir meine Zeit wichtig? Alles andere ist nebensächlich. Reine Eile mit Weile, also Entschleunigung, bringt nicht automatisch Muße mit sich. Man muss die Zeit entsprechend nutzen und nicht einfach mit Nichtstun vertrödeln.

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