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Heimat. Ich staune, wie leicht sich das tippt. Heimat. Dabei ist der Begriff höchst problematisch. Heimat. Oder übersehe ich einfach die Geschichte des 20. Jahrhunderts und widme mich diesem einem Wort? Heimat. Denn das ist es erstmal: ein Wort. Kein unschuldiges Wort. Kein schuldiges Wort. Das Wort war nicht der Täter. Oder kann es das doch sein? Vielleicht nutzte es jemand als Verführer. Es ist emotional höchst aufgeladen.

Wo ist diese Heimat? Meine Heimat? – Anscheinend gehört sie einem. Man spricht von seiner Heimat. Jeder hat wohl eine. Wirklich? Man kann sie auch verlieren. Der Verlust gebiert großes Sehnen nach ihr. Ebenso verhält es sich, wenn man sie freiwillig verlässt. Zumindest ist es oft so. Man kann eine neue finden. Von außen bestimmen lässt sich das nicht. Auch nicht vorhersagen.

Ist es nun der geopolitische Ort seiner Geburtsstadt? Das Elternhaus? Die Region, wo man zur Schule ging? Die Familie? Die Vereine, in denen man Mitglied war oder ist? Oder nur der engere Freundeskreis?  Ein bestimmter Lebensabschnitt mit allem Drumrum? Manche sehen in der Geschichte ihre Heimat: ihrer Familie, ihrer Religionsgruppe oder ihres Volkes.

Man kann im Exil leben und seine Heimat in seiner Muttersprache haben. Man kann sie aber als Sprache der Täter seit der Tat verabscheuen. Nicht mehr sprechen. Ist Sprachverweigerung dann Heimatverweigerung? Kann man seine Heimat verweigern? Sprachlich klingt das seltsam, auch wenn ich es in diesem Beispiel nachvollziehen kann. Sie kann verleugnet werden. Ihr den Rücken zukehren kann man ebenfalls, wenn es keinen Ersatz gibt. Heimatersatz. Unmöglich. Heimat ist kein beliebiges Austauschprodukt. Da müssen gewichtige Gründe vorliegen, sich von ihr abzuwenden. Völkermord beispielsweise. Oder dessen widerwärtiges Verleugnen.

Andererseits gibt es Heimatlose. Beispiel Snowden: der wohl derzeit bekannteste Asylant. Exil, Asyl – Heimat im Übergang. Kann Heimat temporär sein? Ein Verhältnis zu Wasauchimmer als Passage? Hätte Snowden im Transitbereich eine neue Heimat finden können? Wohl kaum. Da denkt man an Hollywood mit seinen Komödien. Wo haben Nomaden eigentlich ihre Heimat? Vermutlich im Reisegefährt. Dem Reittier. Dem Zelt – und dem ganzen Drumrum. Heimat klingt nach ontologischem Gewicht. Etwas, in dem die Last der Metaphysik spürbar wird. Heimat scheint für immer zu sein. Darum das Befremden von Übergangsheimaten. Überhaupt irritiert der Plural. Heimat will man im Singular haben. Man hat eine Heimat. Seine Heimat – wo oder was immer diese sein mag. Eine neue Heimat kann Unrecht schaffen. Wenn andere sagen: „Dies sei nun eure neue Heimat“ und übersehen, dass die dort Ansässigen vertrieben oder nicht mehr geduldet werden. Beispiel Israel/Palästina. So kann eine Wiedergutmachung scheitern. Ein Dilemma. Denn ein Anrecht dort zu leben haben beide. Heimatkonflikt.

Wenn Orte, Menschen und Sprache Heimat sein können: Wie sieht es mit dem digitalen Raum aus? Mit sozialen Netzwerken? Also den technischen Orten, wo Menschen, Maschinen, Sprachen sowie Schriften zusammen kommen? Heimat ist etwas je eigenes. Individuelles. Heimat kann aber ebenso kollektiv sein. Irgendwie scheint ihr mal mehr Privates, dann mehr Soziales anzuhaften. Da scheinen die sozialen Netzwerke wie dafür geschaffen. Wie verhält es sich nun mit Digitalien als Heimat in Zeiten der totalen Überwachung fast aller Lebensbereiche durch Geheimdienste? Es widerstrebt mir, Big Brother und Heimat zusammendenken zu können. Der Beobachter beeinflusst die Beobachtung durch sein Beobachten, auch wenn er nicht gesehen wird. Er ist nun da. Wir wissen von ihm. Wir können ihn nur verleugnen oder verdrängen. Und unseren eigenen Politikern mißtrauen wir in dieser Hinsicht, da sie unehrlich waren. Kann hier Heimat sein? Ich kann nicht von Digitalien schreiben, ohne unseren Staat zu erwähnen – und denen von unseren jetzigen Verbündeten. Partnern.Ehemaligen Alliierten. Der Heimatbegriff ist in der Krise – nicht nur durch seinen Missbrauch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn wir Digitalien und Heimat zusammendenken wollen, begegnen wir auf einmal globaler Überwachung. Globale Überwachung soll der Weg aus globalem Misstrauen sein der Staaten gegenüber ihren Bürgern. Diese sollen sich nun beschützt fühlen, obwohl sie es sind, denen misstraut wird. So geht Neuland. Neuland ist kein Heimatland.

Ist unser Lebensraum im Westen wie in Nahost sowie im Osten überhaupt ohne digitale Geräte denkbar? Im Prinzip schon, doch wer wollte das wirklich? Wir werden trotz alledem nicht verzichten auf unsere digitalen Gadgets. Stattdessen werden viele das Beobachtetwerden verdrängen. Es nicht wahr haben wollen. Sich selbst belügen, um eine Illusion von Vetrautheit und Vertrauen aufzubauen. Wiederzugewinnen. Um dort in den sich selbst erzählten Geschichten Heimat zu konstruieren. Heimat scheint in Narrationen zu überleben. Heimat will Geschichten. Geschichten des Wohlfühlens. Der Ort, wo Vetrauen ist. Doch es gibt ihn nicht mehr. Überall ist Beobachtung. Beobachtung bedeutet Fremdbestimmung. Heimat ist aber etwas zutiefst Selbstbestimmtes.

Wir haben keine Heimat mehr, wenn wir ehrlich sind. Wir können keine mehr haben. Sie haben uns unsere Selbstbestimmung genommen. Wir sind Laborratten auf Abruf. Latent fremdbestimmt. Hat die Ratte ihre Heimat im Labyrinth, wo sie ein wenig herumlaufen darf und Knöpfe drücken?

Uns bleibt derzeit nichts anderes als diese krankmachende Situation auszuhalten. Dazu müssen wir stark sein. Wenn uns Fiktionen, Mythen und Märchen präsentiert werden, so müssen wir mit Aufklärung antworten. Wenn wir nicht mehr rauskönnen aus den Geschichten, so liegt die Antwort im aufgeklärten Mythos. Whistleblower bringen die Fiktionen heutiger Politiker zurück ins Faktische. Die Verfassungen der Staaten sind ebenfalls kluge Texte. Zumindest solange sie nicht dahigehend geändert werden, dass Totalüberwachung erlaubt wird. Solange sie so sind, wie sie sind, können wir dort unsere Heimat haben. Verfassungspatrioten. Doch sie stülpen mittlerweile unsere Verfassungen um zu diegetischen Texten. Eine erzählte Welt, die in Wirklichkeit anders funktionierend gehalten wird. Verfassungstexte sind darum genau dann gefährlich, sobald die Wirklichkeit der Politik an ihren Inhalten gemessen werden soll. Heimat zu Zeiten globaler Verzweiflung geht ansonsten nur ironisch. Ironie ist uneigentliche Rede. Ist aber auch eine Form des aufgeklärtem Mythos. Nur wer weiß, dass er sich hier auf einem Weg der Zweiheit bewegt, der hat die Chance, nicht zu verzweifeln.

Gerne beendete ich diesen Blogpost so: Lasst uns aufbrechen. Einen neuen Ort schaffen. Eine Nicht-Heimat. Ein Utopia. Vielleicht finden wir in der Utopie noch Hoffnung auf eine künftige Heimat. Lasst uns auf dem Boden der Tatsachen ins Träumen geraten. Doch wir kommen nicht heraus aus dem Irrgang der totalen Überwachung. Weltweit. Darüber müsen wir reden. Der Heimatbegriff kann heutzutage nur zur (Selbst)Täuschung genutzt werden. Oder als Lüge der Politiker. Schlecht. Oder kritisch hinterfragt werden. Dekonstruiert werden in Zeiten von Digitalien. Besser. Denn dann hat Heimat Chancen, aufklärerisch zu werden. 

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade von Katja Wenk .Thema: Was ist eure Heimat?

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