Archive für den Monat: August, 2013

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Vorgehensweise

Da meiner einer sich erst an zwei Blogparaden beteiligt hat, wäre es vermessen, einen Beitrag anzustreben, der sich auf diesen leicht überschaubaren empirischen Fundus beruft. Zudem ist bei beiden Blogparaden die Frist noch nicht abgelaufen, so ist nichtmals eine Rückschau möglich.

Statt nun den erfahrenen Teilnehmen von Blogparaden als unerfahrener Besserwisser in die Parade zu fahren, entschließe ich mich zu dem mir einzig machbaren Ansatz: nämlich in medias res zu gehen. Nein: zu stehen,; denn dort befinde ich mich: mittendrin. Mitten drin in zwei laufenden Blogparaden. Zähle ich die jetzige dazu, sind es sogar drei. Von diesem Ort aus schaue ich nach rechts, nach links, ich betrachte einfach die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes Parade und befrage sie, inwiefern sich die Bedeutung des Wortes Blogparade ändert, wenn man es von dort her versteht. Ich betrachte es nicht von der französischen Sprache her, obwohl es ursprünglich ein französisches Wort war.

Ich schaue auf die Verwendung, wie sie vorwiegend im deutschsprachigen Raum üblich ist. Nicht, weil es vom Deutschen vereinnahmt worden ist, sondern umgekehrt, weil das Deutsche immer durch andere Sprachen bereichert wurde: durch Französisch besonders durch die Hugenotten in allen Lebensbereichen, durch Italienisch in der Musik, durch Englisch heutzutage überall an jedem Ort. Sicherlich finden sich noch mehr Belege. Das Ruhrgebietsdeutsch lebt beispielsweise durch eine Vermischung aus Deutsch und Polnisch – berühmtes Beispiel: Motek für Hammer. Aber ein weiteres Verständnis, was Parade sein kann, bietet es nicht. Dafür aber der Fußball.

Geht man so vor wie beschrieben, so durchstreift man den militärischen Bereich, den Sport mehrfach, die Kultur ebenfalls. Es ist also eine Vielfalt an Bedeutungen zu erwarten. Somit scheint es nicht eindeutig zu sein, was wir meinen, wenn wir von Blogparade sprechen, schreiben, dazu aufrufen. Die anderen Bedeutungen schwingen immer mit – und wer kann schon sagen, welche sein Mitmensch als vorrangig betrachtet, sofern es so etwas überhaupt gibt: eine bevorzugte Bedeutung, die über allen Kontexten als erste assoziiert wird.

Mag jemand diese Vorgehensweise einerseits für einen rhetorischen Kniff halten oder andererseits als ernstzunehmende Herangehensweise, die das Verständnis von dem näher beleuchtet, was wir da eigentlich machen oder machen wollen, so zählt letzten Endes das Ergebnis, das es mir respektive uns bringen mag. Ich hoffe auf ein wenn nicht tieferes, so doch zumindest vielseitigeres Verständnis von Blogparade. Bringen wir also den Begriff zum Schillern!

Militärparade

Schweres Gerät sowie Waffen rollen grollend auf den Straßen. Solange es Panzer gibt, werden die Straßen beben. Ein Kribbeln steigt von den Füßen durch den Körper. Ein Aufmarschieren der Truppen ist nicht zwingend notwendig. Mögen manche aber. Ebenso muss kein Publikum anwesend sein. Tut dem Ausführenden allerdings gut. Denn mitten drin, jedoch am Rande in Sicherheit, steht irgendwo ein Diktator, hohes Militär oder ein Regierungsfuzzi, der erhoben von einem Podest aus dem Geschehen zuwinkt. Ihn grüßt das Militär. Er grüßt zurück. Jene wollen oft das Publikum. Und Kameras. Dem Regierungsfuzzi gefällt es. Ihm huldigt das Militär. der Gegner darf sich erschrecken. Manchmal das eigene Volk ebenfalls.

Als ich zunächst erstmalig von Blogparade las, dachte ich, „das ist der Aufmarsch der Blogposts!“ Jedoch missfiel meinem realpolitisch pazifistich schlagendem Herzen dieses ganze militärische Drumherum. Und ich verstand gleich, warum es parallel ebenfalls den anderen Begriff Blogkarneval gibt: Ist doch de Zoch kütt ein wesentlicher Bestandteil von allen Kanevalen, Faschings und dergleichen. Sie alle veralbern das Miitärische, was dann schon eher zu einer Blogparade passt.

Jedoch stelle man sich einmal vor, ein SEOler ruft zu einer Blogparade auf. Ist das nicht der Aufmarsch der treffenden Keywords? Sind sie nicht das schwere Gerät und die Waffen? Der Content zählt doch nur, solange er sich am Suchmaschinen-Rank (besonders Google) messen lassen kann. Content ist doch nicht Inhalt im Sinne einer Botschaft, sondern nur Mittel zum Zeck. Nicht bei allen. Zugegeben. Aber bei vielen, solange es beispielsweise Google zulässt. Der SEOler braucht für seinen Aufmarsch von Blogposts mit den immer selben Keyowrds keine großen Ausschreibungen. Die werden eher inhouse gemacht. Diese Vorgehensweise wird nicht gerade verschwiegen. Jedoch auch nicht an die große Glocke gehängt. Was des eigenen Kunden Gefallen, soll des Mitbewerbers Missfallen sein: der Suchmaschinen-Rank. Das Maß von allem in SEO.

Mir fällt es schwer, den Macher einer Blogparade mit dem Diktator, hohen Militär oder Regierungsfuzzi gleichzusetzen. Besonders in diesem Fall. Die Karrierebibel als derjenige auf dem Podest, der Winkewinke macht? Nein. Allerdings fällt es mir weniger schwer, in SEO Ansätze von durchgreifenden Maßnahmen zu sehen, die dem Militärischen ähneln. Da fällt mir gleich die Verlinkungspraxis ein. Die gibt es ebenfalls in jeder Blogparade. Da gleicht dann das Nebeneinander der Blogposts doch einem Aufmarsch. Nämlich, wenn wir sie mehr als ein Nebeneinander von Links sehen, die dem Macher wie den Schreibern nutzt. Dieser ganze Linking Park ähnelt dann schon einem Exerzierplatz. Wobei jetzt Wortklauber ankommen werden und sagen, dass der Platz weniger der Ort einer Militärparade ist. Das stimmt. Es ist eher der Boulevard. Die große Straße. Es darf nichts stehen, sondern muss vorbeiziehen. Es soll alles sein, nur nicht Überschaubar wirken. So erst entsteht der Eindruck von Größe. Unüberschaubarer Größe. Diese Wichtigtuerei vermittelt meines Erachtens keine Blogparade.

Défilié

Nicht jedes Vorüberziehen ist ein Vorbeimarschieren. Während beim Schützenfest durchaus marschiert wird – in manchen Gegenden sogar im Stechschritt – marschiert der Jeck im Karneval nicht, obwohl es auch dort Marschmusik geben kann. Zugegeben: Ansätze von Gleichschritt gibt es dort auch. Allerdings wird die militärische Strenge durch das Tanzmariechen aufgelockert, das das Interesse weniger auf die Bedrohung, die Abschreckung lenkt, sondern in Richtung Allzumenschliches. Zudem sind die Texte der gespielten Musik selten sehr obrigkeitshörig, tendenziell meist im Gegenteil!, sodass jedes Aufkommen von militärischem Antlitz im Keime erstickt wird, auch wenn die Uniformen oft historisch korrekt sind – und die haben eine militärische Vergangenheit, obwohl es in beiden Fällen oftmals die ehemaligen vierteleigenn Bürgerwehren sind, die dargestellt werden. Also nicht das Militär im eigentlichen Sinn. De Zoch ist mehr Défilé denn Mitlitärparade. Wenn Militärparade, dann Veralberung des Militärischen. Man betrachte nur die Konfettikanone.

Denn Défilé meint jedes feierliche Vorbeiziehen einer Gruppe an, ja, das kann auch wieder ein Diktator, hohes Militär oder Regierungsfuzzi sein – am Gastgeber vorbei, wer immer das sein mag. Wichtig ist: Ein Défilé hat einen Gastgeber. Es ist kein militärischer Aufmarsch, der auf Befehl stattfindet, sondern es findet eine Einladung statt. Ihm fehlt die Strenge. Im Regelfall auch die Marschmusik. Das Erschrecken. Somit ist Défilé eher passend für unser Verständnis von Blogparade.

Die Blogposts ziehen sehr wohl in ihrem Nacheinander des Erscheinens oder in ihrem Untereinander ihres gelisteten Daseins am Einladenden der Parade vorüber. Aber sie sind eben die Gastgeschenke derjenigen, die sich eingeladen fühlen. Erst durch die thematisch passenden Blogposts wird die Blogparade zum Défilé für ein bestimmtes Thema. Es soll um Content gehen, nicht einfach nur um Verlinkung. Deswegen werden die Blogposts gegen Ende nochmals in einer Rückschau vom Gastgeber zusammengefasst.

Parade in der Kunst

Parade ist der Name eines multimedialen Ballets aus dem Jahre 1917 nach einem Thema von Jean Cocteau, komponiert von Eric Satie; Bühnenbild, Kostüme und Vorhang entwarf Pablo Picasso. Bekannt wurde es wegen seiner „Instrumente“. Manche ordneten es formal auch als Tanzsuite mit Jazz- und Geräuschelementen ein. Trompes l’oreilles schimpften es einige. Es war ein Skandal!

Inhaltlich geht es um einen Zirkus. Clowns versuchen die Aufmerksamkeit des Publikums für sich zu gewinnen. – Was für ein Kommunikationsthema! Wie geschaffen für PR. Geeignet für das alle Themen rund um Blogs und Blogparaden.

Für eine bunte, schillernde Blogparade, die formale Experimente zulässt, eignet sich dieser hehre Anspruch sehr gut, den dieses Ballett hat. Doch ist dieses Ballett zu komplex, um in einem kurzen Abschnitt in einem bescheidenen Blogpost wie diesem besprochen zu werden. Ich möchte aber nicht ohne Hinweis auf dieses Kunststück bleiben. Den gab ich nun. Es mag den einen oder anderen geben, der bei Parade eben auch an dieses gleichnamige Ballett denkt – und er tut gut daran.

Betrachtete ich bislang das Ganze einer Blogparade, so geht es nun im folgenden um Details, die ebenfalls mit dem Begriff einer Parade beschrieben werden.

Parieren im Reitsport

Das Parieren im Reitsport ist quasi das Herunterschalten oder das Bremsen des Pferdes durch Manipulationen mit dem Schenkel, dem Gleichgewicht sowie den Zügeln. Der Reiter unterscheidet eine halbe sowie eine ganze Parade. Wird letzte gegeben, so bleibt das Pferd stehen. Soll es zumindest. Außer dem Tempo kann in einer Parade auch die Gangart gewechselt werden. Alles kann. Nichts muss. Das Wort Parade umfasst hier beides. Nur gehorchen soll das Pferd und machen, was der Reiter im Moment mit der Parade anfordert.

Da eine solche Parade gegeben wird, lässt sich fragen, wer im Falle einer Blogparade der Reiter und wer das Ross ist. Entweder die Schreiberlinge sind diejenigen, die parieren sollen oder es ist die Themendisziplin gemeint, die auch nicht jeder Autor so zwingend einhält. Da werden alte Posts eingereicht, die manchmal nur dann noch passen, wenn der Veranstalter nicht mehr zwinkert, sondern beide Augen zudrückt. Entweder der Autor hält sich selbst im Zaum oder er wird halt abgebremst. Wobei es weniger leichter Schenkeldruck, Gleichgewicht sowie kurzer Zügeldruck sind, die dem Veranstalter zur Verfügung stehen oder dem Autor selbst zur Selbstdisziplinierung zu Diensten sind – auch wenn das ein schöne Vorstellung wäre.

Parieren soll ein Autor also nur in dem Sinne, dass er sich an die gesetzten Regeln halten soll. Im Falle der Blogparade der Karrierebibel sind sie vorbildlich genannt. Ansonsten kann der Schreiberling tun, was er will und wie er es mag. Es soll nur ein Beitrag zum Thema sein. Und das Thema sollte zu seinem Blog passen.

Parieren im Fechtsport

Der Fechter versteht darunter das Abwehren durch einen Schild oder mit der Blankwaffe. Sofort stellt sich bei mir die Vorstellung von Wortgefechten ein. Das können einzelne Thesen sein, die zwischen den Blogs diskutiert werden, aber auch ganze Artikel können sich gegenüber stehen.

Das wäre schön, wenn es gemacht würde. Gerade eine Blogparade eröffnet diese Möglchkeit zu Wortgefechten. Erst dann ergibt die abschließende Zusammenfassung durch den Gastgeber einen Sinn. Sie ist die Rückschau, der Überblick oder die Einführung ins Thema, das nun in all seiner Vielschichtigkeit vor ihm und all den Lesern liegt.

Das Verständnis einer Blogparade von hier aus, ist wünschenswert. Mettez-vous en garde. Die Einladung zur Blogparade kann durch eine Behauptung oder kühne These erfolgen, an der sich die Blogs abarbeiten. Oder Wortgefechte ergeben sich von selbst. Sollten sie zumindest. Es wird von den Gästen ja ein Interesse am Thema unterstellt und davon ausgegangen, dass die Blogparade nicht nur ein bloßes Abladen von Links sein soll. So wird sie aus dem abwechselnden Verständnis von Angriff und Abwehr verstanden. Wobei Parade selbst die Abwehr meint. Eine Einladungsthese also zur Verteidigung des eigenen Standpunktes auffordert. Dass das nicht Rechtfertigung meinen muss, sondern ebenso die Einladung zum Gegenangriff sein kann, müsste jeder strategisch denkende Schreiberling selbst wissen.

Parieren in anderen Sportarten

Ganz gleich, ob Fußball – da meint es das Auffangen, das „Halten“, durch den Torwart eines gegnerischen Balles – oder in den Kampfsportarten, immer ist eine Abwehr gemeint. Es gilt also das schon beim Fechten Gesagte.

Parieren in der Küche

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Küchenchefs ebenfalls ein parieren kennen: Es meint das Entfernen von Sehnen, Häuten und Fett mit dem Messer. Die so entstehende Parüre wird für Fonds genutzt.

Diese Aufgabe wäre dann gegeben, wenn die einzelnen Schreiberlinge hart am Thema arbeiteten. Alles Unnütze entfernten. Und das Entfernte aber nicht als Müll ansähen, sondern daraus die Grundlage für leckere Saucen sähen. Fieserweise könnte man auch meinen, die Blogbeiträge seien eh alle zäh, viel zu lappig und fettig – da muss dann der Gastgeber her als der Meisterkoch, um eine Basis zu schaffen, in der alle gemeinsam zu etwas nutzbar sind. Eben der schließenden Zusammenfassung. Das mögen am Ende aber die geneigten Leser der Blogposts entscheiden, ob dem so ist oder ob eine Blogparade so verstanden werden sollte.

Jedenfalls ist derjenige in der Küche, der die Saucen herstellt, nicht der minderwertige Koch im Team. Keinesfalls der, auf den man verzichten kann.

Dieses ist ein Beitrag zur Blogparade der Karrierebibel zu Blogparaden.

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Horror Vacui

Da sitze ich nun. Ich schaue in den hellen Monitor. Eigentlich unverschämt dieses leuchtende Weiß. Frech blinzelt mich der Cursor an. Als wollte er mir etwas damit sagen. Blink, blink, blink. Ob er sich einsam fühlt? Ach Quatsch. Ein Cursor hat keine Seele! Er ist etwas Technisches. An, aus, an, aus. In kurzen Intervallen gibt er immer wieder die hell scheinende Fläche frei. Oder er zeigt: Ich bin noch da. Auf ihn kann ich mich verlassen. Sein wiederkehrendes  Erscheinen ist mir gewiss.

Eigentlich unverschämt – so ein Rhythmus. Unbeirrbar. Immer gleich. Er ist der Herzschlag der leuchtenden Fläche.

„Na warte!“ – denke ich mir. Dich schicke ich auf Reisen. Also tippe ich die ersten Buchstaben in die Leuchtfläche. Brav folgt er. Erst ein Wort. Dann ein ganzer Satz. Ha, nun ein Abschnitt. Auch der Backspace-Taste gehorcht er. Wenn sie nach links schreitet, geht er mit. Und immer blink, blink, blink. So schreitet der Nachmittag fort. Der Abend. Die Zeit verrennt. Die Fläche füllt sich. Aber der Cursor siegt. Beharrlich existiert er weiter in seinem niemals endenden blink, blink, blink.

So langsam werde ich müde. Ich beende den Abend, indem ich die Publish-Taste drücke. Meine Augen sind auf den Button gerichtet. Er verändert sein Antlitz von einer grauen Schaltfläche mit klar erkennbarer Aufschrift zu etwas, das sich weder weiterhin anklicken lässt, noch lesen. Die Schrift erscheint in blur. Genau jetzt klicke auf die kleine Weltkugel. Der Browser öffnet sich. Endlich ist er weg: Kein Cursor mehr. Siegesgewiss kann ich mich nun anderen Arbeiten widmen oder ins Bett legen.

Blick in den Spiegel

Wir Ich ich ich ich. Ich ich ich ich ich ich ich ich und ich. Ich. Ich Ich. Ich ich ich. Ich ichichich. Ich! Ihr Nein ich. Ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich. Ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich. Ihr ICH ICH ICH.

Ich.

Ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich .

hach Ich. 🙂

Wut

Da ist ein Drängen, das will Text werden. Worte finden sich wie von selbst. Worte gibt es genug. Aber die Auswahl ist nicht leicht. Jedoch zum Glück: Ganze Sätze sprudeln aus mir heraus. Wenn ich es nicht festhalte, fließt mein Gedankenfluss weiter. Doch am nächsten Morgen verflüchtigt sich das alles. Zerfließt, ohne die Lösung gefunden haben.

Und ich muss mühsam wieder von vorne beginnen.

Ein Wiederaufrufen der Gedanken fällt schwer. Um eine Lösung zu finden, müssen sie fixiert werden. Festgehalten in pointierten Sätzen. Sätze, die ich wiederlesen kann. Das wird Arbeit am Text. Daraus werden Sätze, die ich anderen mitteilen kann. Die sie diskutieren können. Das sind Sätze, die sind für die Debatte gemacht. Sätze, die man irgendwo irgendwem vorbringen kann. Vortragen. Minnegesang der Wahrheit. Zumindest der Fakten.

Bruta facta sagen nichts – so lautet ein bekanntes Diktum. Fakten müssen in eine Geschichte eingebunden sein, die sie erklären. Die ihnen eine Ordnung geben. Diese muss nachvollziehbar sein. Wahr im umgangssprachlichen Sinn. Nur dann verspüre ich dieses Drängen in mir, das andere auch bewegen soll. Sie sollen ihren Arsch hochkriegen, damit wir etwas gemeinsam verändern. Der Fachmann nennt das AIDA-Formel – zumindest wenn er über die Texte spricht. Die Bevölkerung aber huldigt meist dem Götzen, der ihnen Brot und Spiele verspricht. Sie fordert sogar eine Politik, die ihnen selbst schadet. Und lacht darüber. Sie meint, dann trifft sie das alles nicht. Ein fataler Schutzmechanismus, der letztendlich Schein ist, nicht Sein.

Der meiste soziale Schaden beginnt mit der Spaltung zwischen ihr und wir. Das beginnt im Privaten, setzt sich fort im Beruf und schlussendlich endet es in der Politik im Völkermord. Das ist nichts anderes, als die Angst vorm Fremden. Auch vorm Fremdgehaltenen: „Und bleibst du uns nicht fremd, dann wirst du dazu gemacht!“ Eine Supportabteilung, die diese Haltung beibehält, wird in Social Media recht schnell erfahren, was ein Shitstorm ist.

Dieses Drängen zu bloggen, ist ein Drängen, aufzuklären – oder mir einiger Sachverhalte klar zu werden. In letzterem Fall wird Text zur Spur, mehr Textur des Findens als fertige Form. Einführungsveranstaltungen dürfen andere machen, die dieses mit Hingabe und gerne tun. Mein Ding ist das weniger. Oberlehrer dürfen andere spielen. Lieber ist es mir, mich mit denen auszutauschen, die ebenso eine Lösung suchen. Sie haben bereits ähnliches erkannt und leiden darunter. Oder freuen sich. Egal wie, sie sind emotional davon betroffen. Die Debatte ist mehr als nur erwünscht, kein Übel: Kein Mensch kann alles überblicken. Die Sicht der anderen ist notwendig, damit die Not sich wendet. So spiegelt sich in der Kritik das Schillern der Wirklichkeit – und nur in der Vielfalt! Lieber ein Raisonnieren als ein totales System. Lieber mit Kant gedanklich spazierengehen als mit dem Teutonen Hegel. Noch besser: Keine Angst, sollte die Form Kunst werden wollen. Oder Literatur. Oder Musik.

Fachlich blogge ich zu professionller Kommunikation in PR goes social. Das Medienstuebchen ist meine Spielwiese für Photographie, Video, Audio und Text. Dieses Blog countUP ist eher personenbezogen. Hier publiziere ich ebenfalls alle Blogparaden, sofern sie nicht eindeutig in die anderen Blogs passen.

Dieser Blogpost ist mein Beitrag zur Blogparade von Alexandra Steiner „Am Anfang war das Wort – warum blogge ich?“

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Heimat. Ich staune, wie leicht sich das tippt. Heimat. Dabei ist der Begriff höchst problematisch. Heimat. Oder übersehe ich einfach die Geschichte des 20. Jahrhunderts und widme mich diesem einem Wort? Heimat. Denn das ist es erstmal: ein Wort. Kein unschuldiges Wort. Kein schuldiges Wort. Das Wort war nicht der Täter. Oder kann es das doch sein? Vielleicht nutzte es jemand als Verführer. Es ist emotional höchst aufgeladen.

Wo ist diese Heimat? Meine Heimat? – Anscheinend gehört sie einem. Man spricht von seiner Heimat. Jeder hat wohl eine. Wirklich? Man kann sie auch verlieren. Der Verlust gebiert großes Sehnen nach ihr. Ebenso verhält es sich, wenn man sie freiwillig verlässt. Zumindest ist es oft so. Man kann eine neue finden. Von außen bestimmen lässt sich das nicht. Auch nicht vorhersagen.

Ist es nun der geopolitische Ort seiner Geburtsstadt? Das Elternhaus? Die Region, wo man zur Schule ging? Die Familie? Die Vereine, in denen man Mitglied war oder ist? Oder nur der engere Freundeskreis?  Ein bestimmter Lebensabschnitt mit allem Drumrum? Manche sehen in der Geschichte ihre Heimat: ihrer Familie, ihrer Religionsgruppe oder ihres Volkes.

Man kann im Exil leben und seine Heimat in seiner Muttersprache haben. Man kann sie aber als Sprache der Täter seit der Tat verabscheuen. Nicht mehr sprechen. Ist Sprachverweigerung dann Heimatverweigerung? Kann man seine Heimat verweigern? Sprachlich klingt das seltsam, auch wenn ich es in diesem Beispiel nachvollziehen kann. Sie kann verleugnet werden. Ihr den Rücken zukehren kann man ebenfalls, wenn es keinen Ersatz gibt. Heimatersatz. Unmöglich. Heimat ist kein beliebiges Austauschprodukt. Da müssen gewichtige Gründe vorliegen, sich von ihr abzuwenden. Völkermord beispielsweise. Oder dessen widerwärtiges Verleugnen.

Andererseits gibt es Heimatlose. Beispiel Snowden: der wohl derzeit bekannteste Asylant. Exil, Asyl – Heimat im Übergang. Kann Heimat temporär sein? Ein Verhältnis zu Wasauchimmer als Passage? Hätte Snowden im Transitbereich eine neue Heimat finden können? Wohl kaum. Da denkt man an Hollywood mit seinen Komödien. Wo haben Nomaden eigentlich ihre Heimat? Vermutlich im Reisegefährt. Dem Reittier. Dem Zelt – und dem ganzen Drumrum. Heimat klingt nach ontologischem Gewicht. Etwas, in dem die Last der Metaphysik spürbar wird. Heimat scheint für immer zu sein. Darum das Befremden von Übergangsheimaten. Überhaupt irritiert der Plural. Heimat will man im Singular haben. Man hat eine Heimat. Seine Heimat – wo oder was immer diese sein mag. Eine neue Heimat kann Unrecht schaffen. Wenn andere sagen: „Dies sei nun eure neue Heimat“ und übersehen, dass die dort Ansässigen vertrieben oder nicht mehr geduldet werden. Beispiel Israel/Palästina. So kann eine Wiedergutmachung scheitern. Ein Dilemma. Denn ein Anrecht dort zu leben haben beide. Heimatkonflikt.

Wenn Orte, Menschen und Sprache Heimat sein können: Wie sieht es mit dem digitalen Raum aus? Mit sozialen Netzwerken? Also den technischen Orten, wo Menschen, Maschinen, Sprachen sowie Schriften zusammen kommen? Heimat ist etwas je eigenes. Individuelles. Heimat kann aber ebenso kollektiv sein. Irgendwie scheint ihr mal mehr Privates, dann mehr Soziales anzuhaften. Da scheinen die sozialen Netzwerke wie dafür geschaffen. Wie verhält es sich nun mit Digitalien als Heimat in Zeiten der totalen Überwachung fast aller Lebensbereiche durch Geheimdienste? Es widerstrebt mir, Big Brother und Heimat zusammendenken zu können. Der Beobachter beeinflusst die Beobachtung durch sein Beobachten, auch wenn er nicht gesehen wird. Er ist nun da. Wir wissen von ihm. Wir können ihn nur verleugnen oder verdrängen. Und unseren eigenen Politikern mißtrauen wir in dieser Hinsicht, da sie unehrlich waren. Kann hier Heimat sein? Ich kann nicht von Digitalien schreiben, ohne unseren Staat zu erwähnen – und denen von unseren jetzigen Verbündeten. Partnern.Ehemaligen Alliierten. Der Heimatbegriff ist in der Krise – nicht nur durch seinen Missbrauch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn wir Digitalien und Heimat zusammendenken wollen, begegnen wir auf einmal globaler Überwachung. Globale Überwachung soll der Weg aus globalem Misstrauen sein der Staaten gegenüber ihren Bürgern. Diese sollen sich nun beschützt fühlen, obwohl sie es sind, denen misstraut wird. So geht Neuland. Neuland ist kein Heimatland.

Ist unser Lebensraum im Westen wie in Nahost sowie im Osten überhaupt ohne digitale Geräte denkbar? Im Prinzip schon, doch wer wollte das wirklich? Wir werden trotz alledem nicht verzichten auf unsere digitalen Gadgets. Stattdessen werden viele das Beobachtetwerden verdrängen. Es nicht wahr haben wollen. Sich selbst belügen, um eine Illusion von Vetrautheit und Vertrauen aufzubauen. Wiederzugewinnen. Um dort in den sich selbst erzählten Geschichten Heimat zu konstruieren. Heimat scheint in Narrationen zu überleben. Heimat will Geschichten. Geschichten des Wohlfühlens. Der Ort, wo Vetrauen ist. Doch es gibt ihn nicht mehr. Überall ist Beobachtung. Beobachtung bedeutet Fremdbestimmung. Heimat ist aber etwas zutiefst Selbstbestimmtes.

Wir haben keine Heimat mehr, wenn wir ehrlich sind. Wir können keine mehr haben. Sie haben uns unsere Selbstbestimmung genommen. Wir sind Laborratten auf Abruf. Latent fremdbestimmt. Hat die Ratte ihre Heimat im Labyrinth, wo sie ein wenig herumlaufen darf und Knöpfe drücken?

Uns bleibt derzeit nichts anderes als diese krankmachende Situation auszuhalten. Dazu müssen wir stark sein. Wenn uns Fiktionen, Mythen und Märchen präsentiert werden, so müssen wir mit Aufklärung antworten. Wenn wir nicht mehr rauskönnen aus den Geschichten, so liegt die Antwort im aufgeklärten Mythos. Whistleblower bringen die Fiktionen heutiger Politiker zurück ins Faktische. Die Verfassungen der Staaten sind ebenfalls kluge Texte. Zumindest solange sie nicht dahigehend geändert werden, dass Totalüberwachung erlaubt wird. Solange sie so sind, wie sie sind, können wir dort unsere Heimat haben. Verfassungspatrioten. Doch sie stülpen mittlerweile unsere Verfassungen um zu diegetischen Texten. Eine erzählte Welt, die in Wirklichkeit anders funktionierend gehalten wird. Verfassungstexte sind darum genau dann gefährlich, sobald die Wirklichkeit der Politik an ihren Inhalten gemessen werden soll. Heimat zu Zeiten globaler Verzweiflung geht ansonsten nur ironisch. Ironie ist uneigentliche Rede. Ist aber auch eine Form des aufgeklärtem Mythos. Nur wer weiß, dass er sich hier auf einem Weg der Zweiheit bewegt, der hat die Chance, nicht zu verzweifeln.

Gerne beendete ich diesen Blogpost so: Lasst uns aufbrechen. Einen neuen Ort schaffen. Eine Nicht-Heimat. Ein Utopia. Vielleicht finden wir in der Utopie noch Hoffnung auf eine künftige Heimat. Lasst uns auf dem Boden der Tatsachen ins Träumen geraten. Doch wir kommen nicht heraus aus dem Irrgang der totalen Überwachung. Weltweit. Darüber müsen wir reden. Der Heimatbegriff kann heutzutage nur zur (Selbst)Täuschung genutzt werden. Oder als Lüge der Politiker. Schlecht. Oder kritisch hinterfragt werden. Dekonstruiert werden in Zeiten von Digitalien. Besser. Denn dann hat Heimat Chancen, aufklärerisch zu werden. 

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade von Katja Wenk .Thema: Was ist eure Heimat?