Filmposter J'accuse 1919

Heute (3.November 2012), der Tag danach. Der Tag, nachdem ich zufällig im Netz vom Tod meines Vaters las. Ich empfinde nicht weniger Trauer und Wut über das ganze Drumherum als gestern, dem Tag als ich die schreckliche Entdeckung machte.

Was geschah: Ich googelte nach meinem Namen und fand die Todesanzeige von meinem gleichnamigen(!) Vater. Erst dachte ich, es sei ein schlechter Scherz und die Anzeige meine mich. Denn mein Vater ohne seinen einleitenden Doktortitel – für ihn wie für fast alle Mediziner undenkbar. Aber dann fand ich die gleiche Anzeige nochmals. Die dort angezeigten Daten sagten mir: Es ist doch wahr! „Leider“ – dachte ich mir und rief sogleich die nahe Verwandtschaft an, warum ich nicht informiert worden sei. Meiner Mutter mache ich keinen Vorwurf. Sie hatte wohl geschrieben und es liegt an den Umständen in Bochum, dass der Brief mich noch nicht erreichte. Nein, Bochum verzeihe ich da nichts. Aber da bleibt noch die Frage offen: Warum hat mich niemand anderes benachrichtigt, wo ich doch ganz offensichtlich nicht reagiert habe? Warum? Deswegen bleibt für mich als momentane Haltung nur ein „j’accuse!“. Kein Verständnis für das Schweigen der anderen.

Ich klage deswegen an alle selbsternannten „Helfer“, die meinten zu wissen, worum es geht ohne mit mir jemals darüber zu sprechen (nein, hat keiner gemacht, darum ist es recht übersichtlich). Ich klage deswegen alle die an, die immer meinten zu wissen, worum es geht und nie bedachten, dass es ganz anders sein kann. Ich klage ebenso an die nahe Verwandtschaft, die es in künftiger Zeit nicht leicht haben wird mit mir. Dass meine Mutter mit Jahrgang 1931 alt genug ist, um nicht mehr alles zu überblicken, ist für mich selbstverständlich. Das Unverständnis beginnt bei allen ihren noch lebenden jüngeren Brüdern, die sich teils auch selbst mit dem Internet auskennen – und da bin ich nun ganz leicht auffind- und anschreibbar. Deswegen klage ich sie an, weil sie sich nie gemeldet haben, sondern alle nur meinten, es sei an mir, dies zu tun. Aber sie wussten vom Tod meines Vaters. Ich nicht!

Verbleiben des Briefs meiner Mutter

Wo der Brief meiner Mutter blieb scheint sich nun aufgeklärt zu haben: Bei einer Dame, die für eine Unterorganisation der Caritas arbeitet. Ich lag 2012 fast ein halbes Jahr im Krankenhaus in Herne, wurde mindestens zehn Mal unter Vollnarkose operiert, da ich nicht mehr gehen konnte und fuhr anschließend zur Reha nach Bad Driburg. Damit ich jemanden habe, der sich um die Post kümmert, rieten mir einige zu einer offiziellen Betreuerin. Das war einer meiner größten Fehler in meinem Leben auf so einen Ratschlag jemals gehört zu haben und ich zweifle heute immer noch daran, ob dieser Ratschlag überhaupt nett gemeint sein kann. Die Dame ging zunächst für drei Wochen in Urlaub, begann dann irgendwann die Betreuung, ohne bemerkt zu haben, dass sie erst ab August Post erhielt, die an mich adressiert war. Da war ich schon von der Reha zurück. Ich konnte wieder gehen. Auch erledigte ich alle Amtsgänge selbst. Nun beendete ich die Betreuung durch das Amtsgericht – ich hatte aber auch vorher stets die Entscheidungsgewalt über alle Bereiche meines Lebens behalten. Sie sollte nur unterstützend helfen: Botengänge und andere Hilfsarbeiten. Weil die Betreuung Kosten verursachte, die ohne die Betreuung nicht entstanden wären, stoppte das Gericht die Betreuung sehr zügig. Aber dennoch gingen fortan Briefe an ihre Adresse statt zu mir. Dass Post auch dringend sein kann, daran dachte sie wohl nicht. Jedenfalls meldete sie sich ganz sorgenfrei bei mir, es sei ein ganzer Stapel Briefe bei ihr eingetroffen. Ich klärte sie über den zurückliegenden Tod meines Vaters auf. Mit- oder Beileidsbekundungen von ihr wollte ich nicht – die wirken auf mich nur geheuchelt.

Für mich steht sie nun stellvertretend für Betreuung durch die Caritas und vergleichbare Organistationen. Ich sehe schwarz für die armen „Betreuten“, die keine volle Entscheidungsgewalt zugesprochen bekommen und nun mehr dazu „verurteilt“ sind, alles hinzunehmen, was jemand im altruistischen Eifer für sie entscheidet – ein sehr teures Unterfangen!